
Andrei lernt das Leben neu
Am 15. Juli 2025 wurde das Leben von Teodor-Andrei Braic innerhalb von wenigen Sekunden komplett auf den Kopf gestellt. Als Leiharbeiter war der 19-Jährige Praktikant in einer Autobahnbaustelle gerade mit dem Aufstellen von Schildern beschäftigt. Dabei wurde er von einem PKW – trotz Tempolimit – mit stark überhöhter Geschwindigkeit erfasst. Mit einem Rettungshubschrauber kam der bewusstlose, schwer verletzte Mann zur Notversorgung in eine nahe gelegene Aachener Klinik und wurde wenig später ins BG Klinikum Duisburg verlegt.
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05.06.2026Pressekontakt

Dieter Lohmann
Denn Unfallmedizin par excellence war gefragt. Heute, gut zehn Monate später kann der gebürtige Bulgare wieder aktiv am Leben teilnehmen – am Gehwagen erste Schritte laufen, seine Fitness trainieren, mit seiner Familie und seiner Freundin kommunizieren.
„Sein Weg zurück in einen ‚normalen‘ Alltag ist immer noch weit“, sagt Oberärztin Dr. med. Kathrin Habig aus der Abteilung für Neurologie und Psychotraumatologie des BG Klinikums Duisburg, die am 10. Juni mit einem Festsymposium ihr 10-jähriges Bestehen feiert.
Viele Handicaps beim Weg zurück ins Leben
Mit einer Erfolgsstory war am 24. Juli 2025, dem Tag seiner Ankunft im BG Klinikum, nicht unbedingt zu rechnen. Schon im vorbehandelnden Klinikum hatte man bei ihm ein schweres-Schädel-Hirn-Trauma mit erheblichen Hirnblutungen und mehrere – zum Teil offene – Frakturen an Ober- und Unterschenkel sowie Knöchel, also ein Polytrauma, festgestellt und versorgt. Auch im BG Klinikum angekommen, zeigte er zunächst kaum Reaktionen auf akustische bzw. taktile Reize und seine Pupillen waren von Anfang an unterschiedlich groß, was eindeutig auf eine schwerwiegende neurologische Störung schließen ließ. Weitere Verletzungen im Bauchraum konnten dann jedoch ausgeschlossen werden. Eine Behandlung über viele Wochen auf der Intensivstation war trotzdem erforderlich.
„Immer, wenn wir die Beruhigungsmittel, so genannte Sedativa, bei Andrei Braic reduzierten, kam es bei ihm zu unwillkürlichen und massiven Kreislaufreaktionen“, berichtet Habig aus der Frühphase der Behandlung. Der Patient sei zudem in einem „Zustand des minimalen Bewusstseins“ gewesen, also nicht richtig kontaktfähig, nicht bewusst auf Dinge reagierend und er schwitzte und zitterte stark. Dieser Koma-ähnliche Zustand habe noch sehr lange angehalten. Erst langsam begann Braic dann über Blicke Kontakt aufzunehmen – mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten, aber auch mit den Pflegenden und Therapiekräften sowie seiner Familie, die ständig zur Unterstützung vor Ort war. Beatmet werden musste er zu der Zeit noch immer über einen Luftröhrenschnitt (Tracheostoma).
Herzensdinge unterstützen die Behandlung
Doch das interdisziplinäre Team in der Klinik für Neurologie ließ nichts unversucht, um Andrei ins soziale Leben zurückzuholen. Gewichtsdecken – bis zu zwölf Kilogramm schwer – wirkten sich zum Beispiel beruhigend bzw. spannungslösend aus, weil sie halfen die Körpergrenzen wieder zu spüren. Auf der Neuroreha-Station des BG Klinikums wurde zudem drauf geachtet, dass der Patient seine „Herzensdinge“ von zu Hause vor Ort hatte. Das Lieblingskissen, ein besonderer Duft, private Bilder und Videos etc. Glücklicherweise hatte die Familie wenig Berührungsängste und ließ sich sehr schnell mit in die Pflege- und Therapietätigkeiten einbauen. Die Eltern und die Freundin haben dabei nicht nur unterstützt, sondern auch eigene Ideen mit eingebracht und den Patienten ganz liebevoll umsorgt. „Das hat sicherlich entscheidend zu seiner Genesung beigetragen“, meint Habig. Denn zunehmend wurde Braic wacher und ansprechbarer. Als im Oktober 2025 das Tracheostoma überflüssig war, hatte er einen weiteren Meilenstein geschafft. Mit vereinten Kräften ging es dann um die Mobilisierung des Patienten. Dies war eine Herkulesaufgabe, auch weil die Muskeln durch die langen Liegezeiten an Masse und Kraft verloren hatten und eine Spitzfußstellung vorlag. „Das machte es sehr, sehr schwierig, ihn überhaupt ‚auf die Beine‘ zu bekommen“, erklärt Habig.
Um dieses Problem zu lösen, entwarfen die Physio- und Ergotherapeuten zusammen mit der Gehschule für Andrei sogar besondere Schuhe mit Keilen. Der Patient wurde zudem unterstützend mehrfach mit Botox an der Wadenmuskulatur zur Linderung des Muskeltonus behandelt. Zudem kamen ausgleichende – so genannte redressierende – Gipsverbände zum Einsatz. Auf diese Weise gelang es in Feinarbeit die Versteifung in den Füßen wieder ansatzweise zu lösen und sie in eine normalere Position zurückzubringen. Heute kann Braic wieder frei sitzen und übt jetzt gerade mit Unterstützung durch die Therapeuten das Laufen am Gehwagen. Der nächste Meilenstein.
Mehr Lebensqualität in kleinen Schritten
Langsam aber sicher und mit viel Training, unter anderem mit den hauseigenen Logopädinnen, hat er zudem wieder sprechen gelernt – zunächst einzelne Worte. Mittlerweile kann er mit seiner Familie schon wieder kommunizieren. Meilenstein Nummer drei. Dabei benutzt Andrei jetzt auch vermehrt einzelne deutsche Worte. „Es handelt sich dabei aber eher um zusammengesetzte Begriffe als um Sätze oder ganze Texte“, so Habig. Essen mit Unterstützung und Schlucken kann der Patient ebenfalls wieder. Derzeit trainiert er erfolgreich die eigenständige Blasenkontrolle, ein weiterer wichtiger Meilenstein.
Doch wie sieht seine langfristige Perspektive aus? „Er wird vermutlich aufgrund seiner erhebliche Hirnverletzungen Handicaps zurückbehalten. Ob beispielsweise freies Gehen für ihn möglich sein wird, ist aufgrund der weiterhin bestehenden Fehlstellung der Füße und einer spastischen Störung unklar“, versucht Kathrin Habig einen Blick in die Zukunft. Der Patient habe seine Aktivitäten des täglichen Lebens ausgebaut und mache weiterhin gute Fortschritte. Ganz wichtig dabei aus ärztlicher Sicht: Die Dinge, die er jetzt (wieder) gelernt hat, sollte er weiter ausbauen und gleichzeitig muss seine Zukunft außerhalb der Klinik geplant werden – natürlich mit Unterstützung seiner Familie.
Unmögliches möglich machen
„Die Patientengeschichte von Teodor Andrei Braic ist ein Paradebeispiel dafür, was realisierbar ist, wenn alle an einem Strick ziehen“, fasst Kathrin Habig zusammen. In diesem Fall seien dies das Team aus Ärztinnen und Ärzten aller Disziplinen, Pflege-, Therapie-, Psychotherapie- und Logopädie-Fachkräften in der Neurologie, der Patient selber und seine Familie gewesen. Die Freundin habe ebenfalls ganz hervorragend mitgemacht und sei mit Braic durch alle Höhen und Tiefen gegangen. Fest steht: Der mittlerweile 20-jährige Bulgare hat noch einige Hürden auf dem Weg zurück ins Leben vor sich. „Wir tun alles, um ihn dabei mit unserer großen Expertise und ‚mit allen geeigneten Mitteln‘ bestmöglich zu unterstützen – wenn es sein muss, ein Leben lang“, so Dr. med. Susann Seddigh, die Chefärztin der Abteilung, abschließend.
Diesen Monat feiert die Klinik für Neurologie und Psychotraumatologie des BG Klinikums Duisburg ihr 10-jähriges Bestehen im Rahmen eines Festsymposiums mit renommierten Referenten aus Deutschland und der Schweiz. Neben Rück- und Ausblicken zur Abteilung werden aktuellste Themen der Neurologie mit Zukunftsrelevanz vorgestellt.

Viel Therapie ist nötig auf dem Weg zurück ins Leben. (Bild: Dr. med. Susann Seddigh / BG Klinikum Duisburg)

Eigenständiges Sitzen ist möglich, Griffkontrolle und Greifen über die Körpermitte werden geübt. (Bild: Dr. med. Susann Seddigh / BG Klinikum Duisburg)

Andrei trainiert am Gehwagen. (Bild: Dr. med. Susann Seddigh / BG Klinikum Duisburg)