Röntgenbild einer Hand nach einem Feuerwerksunfall. Foto: BG Unfallklinik Murnau

Der Knall, der bleibt: Warum Feuerwerksunfälle medizinisch besonders komplex sind

Wenn in der Silvesternacht Raketen den Himmel erleuchten, ist das für viele ein besonderer Moment. Ein Innehalten vor einem Jahr voller neuer Möglichkeiten. Doch wenn der Umgang mit Feuerwerk schiefgeht, kann dieser Neubeginn eine andere Richtung nehmen. Zwei Chirurgen der BG Unfallklinik Murnau, dem größten überregionalen Traumazentrum im süddeutschen Raum mit zertifiziertem Schwerbrandverletztenzentrum, geben Einblick in ihre medizinische Sicht auf diese Nacht: Dr. Markus Öhlbauer, Chefarzt der Plastischen Chirurgie, und Dr. Nils Baas, Chefarzt der Hand- und Unterarmchirurgie.

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30.12.2025

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Delia Reich

Leitung Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation
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Welche Verletzungen sehen Sie an Silvester besonders häufig?
DR. BAAS: Wir behandeln in dieser Zeit unterschiedlichste schwere Verletzungen der Hände. Das sind neben Explosionsverletzungen durch Feuerwerk, häufig auch gravierende Schnittverletzungen, etwa nach Stürzen unter Alkoholeinfluss. Auch wenn diese äußerlich oft unspektakulär wirken, sind sie doch in vielen Fällen tief und betreffen funktionell wesentliche Strukturen wie Sehnen, Nerven und Gefäße, die dauerhaft geschädigt werden können. Explosionsverletzungen sehen wir weit überwiegend an den Händen, wenn Personen den Zündungszeitpunkt falsch einschätzen und den Feuerwerkskörper nicht rechtzeitig loslassen.
DR. ÖHLBAUER: Entsprechend häufig behandeln wir auch Verbrennungen, vor allem an Händen, Armen, aber auch im Gesicht und am Hals.
 

Warum sind Feuerwerksverletzungen besonders anspruchsvoll?
DR. ÖHLBAUER: Wegen der Kombination aus Verbrennung und mechanischem Trauma. Hitze, Druckwelle und Fremdmaterial schädigen das Gewebe gleichzeitig. Das tatsächliche Ausmaß der Verletzung ist oft größer, als es äußerlich zunächst erscheint.
DR. BAAS: Weil es sich um ausgedehnte, oft kleinteilige Gewebezerstörungen in Kombination mit einem thermischen Schaden handelt, zudem fehlen nicht selten wesentliche Teile wie Knochen und Gewebestücke oder auch ganze Gliedmaßen. Dadurch sind nicht alle verletzten Strukturen auch rekonstruierbar.
 

Wie läuft eine solche Operation ab?
DR. ÖHLBAUER: Erst einmal steht eine aufwendige Reinigung der Wunden an. Nach Explosionen befinden sich Schmauch und Fremdmaterial wie Pulverreste tief im Gewebe.
DR. BAAS: Anschließend geht es darum, mit den noch zu rettenden Strukturen die bestmögliche Rekonstruktion durchzuführen. Dabei lässt sich die ursprüngliche Anatomie oft nicht vollständig wiederherstellen. Das Ziel ist eine optisch möglichst unauffällige Hand mit bestmöglicher Funktion.
 

Wie häufig bleiben langfristige Einschränkungen zurück?
DR. BAAS: Bei schweren Handverletzungen ist das leider oft unvermeidbar. Gerade junge Menschen können dadurch in Ausbildung, Beruf und Alltag erheblich eingeschränkt sein. Bei einer schnellen chirurgischen Versorgung in erfahrenen handchirurgischen Zentren lässt sich in den meisten Fällen jedoch zumindest eine grundlegende Greiffunktion erreichen, die im Alltag einen großen Unterschied macht. Entscheidend ist, dass bereits das erstversorgende Team das gesamte Spektrum der rekonstruktiven Chirurgie überblickt und beherrscht.
DR. ÖHLBAUER: Bei Verbrennungen kommen Narben hinzu, die auch nach der Heilung die Beweglichkeit dauerhaft einschränken.
 

Hat Ihre Arbeit Ihre persönliche Sicht auf Silvester verändert?
DR. ÖHLBAUER: Sie schärft den Blick für die Risiken. Feuerwerk gehört für viele zu Silvester, ein Verbot wäre ein deutlicher Einschnitt. Entscheidend ist, wie man damit umgeht. In der Klinik sehen wir vor allem die Folgen von Fehlzündungen, unsachgemäßer Handhabung oder auch illegaler Pyrotechnik.
DR. BAAS: „Meine Sicht hat sich vor allem auf den Umgang mit Alkohol verändert. Viele schwere Verletzungen entstehen durch Unachtsamkeit und Selbstüberschätzung unter Alkoholeinfluss. Das ist kein reines Silvesterphänomen, tritt an diesem Abend aber gehäuft auf.“