Dr. Yann Marc Fülling mit Patient Mike Pietrusiak bei der Ambulanzuntersuchung. Bildnachweis: Bergmannsheil

Endlich wieder zupacken können

Winzige Verletzung mit dramatischen Folgen

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13.04.2026

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Robin Jopp

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Ein kleiner Stich, ein bisschen Blut, eigentlich eine Lappalie. Das dachte sich Mike Pietrusiak, als er bei der Arbeit die kleine Verletzung bemerkt. Zuvor hatte er mit seinem Kollegen eine alte Couchgarnitur wegtragen wollen. Pietrusiak ist Möbelpacker von Beruf. Vermutlich habe eine der Tackernadeln, die den Bezugsstoff fixiert, etwas vorgestanden. So erinnert er sich heute. Heute, das ist über eineinhalb Jahre nach dem Vorfall. Und der hat das Leben des Familienvaters komplett auf den Kopf gestellt. Zehn Operationen, monatelange Krankenhausaufenthalte, aufwändige Therapien und Reha-Maßnahmen – all das hat Pietrusiak erleiden und erleben müssen. Bevor es endlich wieder zurück ins Leben ging. 

Der Grund: aus der vermeintlich harmlosen Schnittwunde entwickelte sich binnen weniger Tage eine lebensbedrohliche Erkrankung. Am Montagmorgen, drei Tage nach der Verletzung, spürte Pietrusiak zunächst starke Schmerzen im Daumen. Dann folgte ein Arztbesuch und am Nachmittag noch ein zweiter, denn die Schmerzen wurden immer schlimmer. Der niedergelassene Chirurg und Durchgangsarzt schickte ihn sofort ins BG Universitätsklinikum Bergmannsheil. Die Diagnose: nekrotisierende Fasziitis – eine rasch fortschreitende Infektion, die sich schnell ausbreitet und in die tieferen Schichten des Gewebes eindringt. Sie kann in kurzer Zeit Haut, Faszien und Muskelpartien zerstören. 

Lebensbedrohliche Situation

Die Krankheit ist tückisch, weil sie oft harmlos beginnt. Bakterien, häufig Streptokokken, dringen in die Faszie ein – das ist die dünne Bindegewebshülle, die Muskeln umgibt – und setzen dort Toxine frei. Das Gewebe stirbt ab, es kommt zur Nekrose; in schweren Fällen bilden die Erreger Gase und lösen eine Sepsis aus, eine lebensbedrohliche Blutvergiftung. Selbst bei schneller und optimaler Behandlung sterben etwas 15 bis 30 Prozent der Betroffenen. Umgangssprachlich werden die krankheitsauslösenden Keime oft auch „fleischfressende Bakterien“ genannt. Aber das ist nicht zutreffend: Denn das betroffene Gewebe wird nicht durch die Bakterien selbst vernichtet, sondern durch chemische Prozesse, die sie auslösen.

Für Pietrusiak bedeutete die Diagnose sofortiges Handeln: Noch am selben Tag wurde er operiert. Weite Haut‑ und Gewebeareale mussten entfernt werden; der Daumen war nicht zu retten. „Wir mussten schnell und radikal vorgehen, um den Patienten zu retten“, erklärt Prof. Dr. Marcus Lehnhardt, Direktor der Klinik für Plastische Chirurgie und Schwerbrandverletzte. Nach dem Abtragen des geschädigten Gewebes und einer intensiven Säuberung der Wunde (Jet Lavage) plante das Spezialisten-Team die Deckung der großen Wundflächen – immerhin lag der ganze Unterarm von Pietrusiak frei. „Wie ein Bild aus Körperwelten“, erinnert er sich an seine ersten Eindrücke.

Verpflanzung von Haut und Gewebestücken

Mit Hauttransplantationen allein konnten die enormen Wunden nicht gedeckt werden. Daher setzten die plastischen Chirurgen sogenannte Lappenplastiken ein. Dazu werden Gewebepartien mit Blutgefäßen von einer Körperstelle entnommen und an eine andere verlagert, um Wunden und Defekte zu verschließen. Bei Mike Pietrusiak waren zwei Lappenplastiken erforderlich. Ein Gewebestück wurde aus dem großen Rückenmuskel (Latissimus dorsi) entnommen, ein weiteres aus der Leiste. Da bei solchen Prozeduren immer ein Risiko besteht, dass ein versetzter Lappen nicht ausreichend durchblutet wird und abstirbt, hat das Team hier eine sogenannte gestielte Lappenplastik angewandt. Diese ist im Gegensatz zur freien Lappenplastik nach der Entnahme weiterhin über eine Gewebebrücke mit der ursprünglichen Blutversorgung verbunden. Um das OP-Ergebnis zu stabilisieren und das sichere Einwachsen des Lappens zu ermöglichen, nähten die plastischen Chirurgen die operierte Hand in die Leiste des Patienten ein. Nach drei Wochen konnte die Hand wieder aus der Leiste gelöst werden: das Transplantat war gut angewachsen.

Patient Mike Pietrusiak mit Prof. Dr. Marcus Lehnhardt, Direktor der Klinik für Plastische Chirurgie und Handchirurgie (links) und Dr. Yann Marc Fülling, Chefarzt der Abteilung für BG Rehabilitation. Bildnachweis: Bergmannsheil

Patient Mike Pietrusiak mit Prof. Dr. Marcus Lehnhardt, Direktor der Klinik für Plastische Chirurgie und Handchirurgie (links) und Dr. Yann Marc Fülling, Chefarzt der Abteilung für BG Rehabilitation. Bildnachweis: Bergmannsheil

Zehn Operationen, umfangreiche Reha-Maßnahmen 

Insgesamt zehnmal wurde Mike Pietrusiak operiert. Doch die Behandlung endete nicht im OP‑Saal. Deutlich mehr Zeit verbrachte er im Reha-Zentrum des Bergmannsheils. Über viele Monate trainierte Pietrusiak Muskelaufbau, Beweglichkeit, Koordination und Feinmotorik, um mit seinem „neuen Arm“ wieder möglichst eigenständig Beruf und Privatleben meistern zu können. Denn eines war für den Familienvater immer klar: „Ich will wieder arbeiten – und zwar in meinem alten Job!“. Ein wirklich großes Ziel: Durch die OP hatte er zwar einen Teil seiner Greiffunktion in der linken Hand zurückgewonnen. Eine richtige Faust machen kann er aber nicht, da ein Teil des Daumens fehlt.

„Ein solches Schicksal stellt auch für uns als Rehabilitationsmediziner und Therapeuten eine Herausforderung dar“, sagt Dr. Yann Marc Fülling, Chefarzt der Abteilung für BG Rehabilitation im Bergmannsheil. „Das Erfolgskonzept ist hier eine passgenaue Therapieplanung, die sehr engmaschig im Austausch von Patient, Reha-Management und Behandlungsteam koordiniert wird – und je nach Heilungsverlauf nachjustiert wird.“ Pietrusiaks Verletzung war ein Arbeitsunfall, die Kosten für seine Behandlung trägt daher die gesetzliche Unfallversicherung. In diesem Fall: Die Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation (BG Verkehr). 

Akut- und Reha-Medizin unter einem Dach

Mit speziellen Rehabilitationsprogrammen wurde Pietrusiak wieder fit gemacht und zugleich seine Rückkehr an den Arbeitsplatz vorbereitet. In dieser Zeit verblieb er im Bergmannsheil in stationärer Betreuung – ein sehr großer Vorteil, weil im Heilungsverlauf korrigierende Operationen vorgenommen werden mussten. „Als BG Klinik gewährleisten wir eine hoch spezialisierte Akutversorgung und intensive Rehabilitation unter einem Dach – so können wir schnell intervenieren, wenn im Reha-Verlauf noch einmal operativ nachgesteuert werden muss“, sagt Prof. Lehnhardt.

Nach erfolgreichen Wiedereingliederungsmaßnahmen war es dann so weit: Im September 2025 kehrte Mike Pietrusiak in seinen Job zurück – 14 Monate nach seiner Verletzung. Mittlerweile ist er wieder voll im Einsatz. Natürlich: Die Narben bleiben, die Hand und der Unterarm sind gezeichnet von den vielen Operationen. Doch Pietrusiak ist glücklich: „Ich bin dankbar, dass mir mein Leben und der Arm geblieben sind – und ich meinen kleinen Jungen wieder halten kann – das bedeutet mir alles.“