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Wie können wir Ihnen helfen?

    Genauere Diagnose bei niedrigerer Strahlen­belastung

    Vorteile der primären Ganzkörper-Computertomografie mit statistischen Dosisreduktionsalgorithmen im Polytrauma-Management

     

    BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin

    Ihr Ansprechpartner

    Profibild Dirk Stengel

    Prof. Dr. med., MSc

    Dirk Stengel

    Leiter Forschung

    01.12.2020

    D. Stengel, S. Mutze, C. Güthoff, M. Weigeldt et al.

     

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    Was bisher bekannt ist

    Die primäre Ganzkörper-Computertomographie (whole-body computed tomography, WBCT) hat sich als bevorzugtes bildgebendes Screening-Verfahren bei vermuteten Mehrfachverletzungen und Polytrauma in europäischen und US-amerikanischen Traumazentren etabliert.

    Die Technologie zeigt eine ausgezeichnete Spezifität, aber variierende Sensitivität für die Erkennung potenziell lebensbedrohlicher Körperhöhlenverletzungen. Sie ist mit einer Strahlenexposition verbunden, welche das sog. attributable Lebenszeitrisiko (life-time attributable risk, LAR) für Krebserkrankungen erhöhen könnte. Moderne adaptive statistische Dosisreduktionsalgorithmen minimieren das Bildrauschen und damit die Strahlenexposition der WBCT. Ob dies deren diagnostische Aussagekraft beeinflusst, ist derzeit unklar. 

    Studiendesign und Resultate

    Die DoReMi-Studie (Dose Reduction in Whole-Body Computed Tomography of Multiple Injuries) sollte klären, ob ein auf einem statistischen Dosisreduktionsalgorithmus (iDose4, Philips Healthcare) basierendes Niedrigdosis-WBCT-Protokoll eine ähnliche diagnostische Aussagekraft wie ein Standard-WBCT-Protokoll bei vermuteter schwerer Verletzung bzw. Polytrauma bietet.

    Im BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin gGmbH wurden zwischen September 2014 und Juli 2015 prospektiv 565 Verletzte mittels Standarddosis-128-Zeilen-WBCT untersucht, von denen 468 (312 Männer, 156 Frauen, mittleres Alter 53 [SD 19] Jahre, 55 [12%] Polytraumatisierte mit Injury Severity Score [ISS] ≥16) nachverfolgt werden konnten. Von August 2015 bis August 2016 wurden im Anschluss prospektiv 509 Verletzte mittels 128-Zeilen-WBCT und iDose4-Dosisreduktionsalgorithmus untersucht, von denen 503 (337 Männer, 166 Frauen, mittleres Alter 53 [SD 20] Jahre, 59 [12%] Polytraumatisierte mit ISS ≥16) nachverfolgt werden konnten. Als unabhängiger diagnostischer Referenzstandard wurde eine Synopsis aus klinischer Nachuntersuchung, radiologischen, operativen und Obduktionsbefunden bis zum letzten Patientenkontakt generiert. Die Rate verzögert erkannter Verletzungen war aufgrund der konservativen Definition höher als bisher in der Literatur berichtet, unterschied sich zwischen der iDose4- und Standarddosis-Gruppe jedoch nicht (107 von 503 [21%] versus 109 von 468 [23%]) und erwies sich, bei Fluktuation über die Beobachtungszeit, in der segmentierten Regressionsanalyse als mit dem Zufall vereinbar.

    Nach multivariater statistischer Adjustierung für Alter, Geschlecht, Intubation, Herzfrequenz, Blutdruck, Hämoglobin-Konzentration, International Normalized Ratio (INR), partieller Thromboplastinzeit (PTT), positiver FAST-Sonografie (focused abdominal sonography for trauma) und dem Zeitintervall zwischen Aufnahme und WBCT erwies sich das iDose4-Protokoll als vorteilhaft in der Detektion von Verletzungen der AIS-Region (Abbreviated Injury Scale) Kopf und Nacken, insb. jedoch des Thorax (adjustiertes Odds Ratio [OR] 0,30 (95% Konfidenzintervall [KI] 0,13 – 0,68). Die Strahlenexposition, gemessen mit dem CT Dosis-Index (CTDIvol) konnte mit dem iDose4-Algorithmus gegenüber dem Standarduntersuchungsverfahren von im Median 11,7 (Interquartilspanne [IQR] 11,7 – 17,6) mGy auf 5,9 [IQR 5,9 – 8,8] mGy nahezu halbiert werden.   

    Bedeutung für die klinische Versorgung und Forschung an den BG Kliniken

    Die primäre Ganzkörper-CT stellt das diagnostische „Arbeitspferd“ der Point-of-Care-Bildgebung bei vermuteter schwerer Verletzung bzw. Polytrauma dar. Die DoReMi-Kohorte erlaubt die Aussage, dass ein Niedrigdosis-WBCT mit statistischem, adaptiven Dosisreduktionsalgorithmus der üblichen WBCT-Diagnostik hinsichtlich der diagnostischen Aussagekraft des gewonnenen Bildmaterials vergleichbar ist, die Strahlenexposition jedoch erheblich reduzieren kann und als klinischer Standard etabliert werden sollte.