Bilder Alttext

Leben nach Amputation: Neustart nach einem verheerenden Arbeitsunfall

Eine Amputation ist ein einschneidendes Ereignis – und zugleich der Beginn eines neuen Weges. Schritt für Schritt haben wir Heiko Rimbach auf seinem Weg zu einem wieder selbstbestimmten Leben begleitet. 

Wenn ein Arbeitsunfall das Leben verändert

Nur knapp über einem Meter und doch veränderte der Sturz Heiko Rimbachs Leben schlagartig. Als der 51-Jährige an diesem Arbeitstag vom Rollgerüst fiel, landete er unglücklich auf beiden Füßen. Sofort spürte er: Etwas stimmt nicht. 

Während der Erstversorgung stellte sich schließlich heraus, dass sein rechter Fuß mehrere Brüche erlitt und am linken Fuß traf es Sprunggelenk, Wadenbein und Schienbein. Es folgten mehrere Operationen, die jedoch keine gravierende Besserung mit sich brachten – im Gegenteil. Bereits wenige Monate später machten sich die ersten Komplikationen bemerkbar. Entzündungen breiteten sich aus, das eingesetzte Material verlor an Stabilität und weitere Maßnahmen wurden notwendig. Jeder neue Eingriff brachte Hoffnung und zugleich die Angst vor dem nächsten Rückschlag. 

Bald wurde klar: Seine Verletzungen sprengten den Rahmen einer gewöhnlichen Behandlung. Da es sich um einen Berufsunfall handelte, übernahm die Berufsgenossenschaft die weitere Versorgung. Für Herrn Rimbach begann damit ein neuer Abschnitt in der BG Klinik Ludwigshafen und zugleich ein langer Kampf gegen eine unsichtbare Bedrohung. 

Hoffnung schöpfen durch medizinische Möglichkeiten

Ein interdisziplinäres Team aus mehreren Fachkräften nahm sich Zeit, stellte Herrn Rimbach einmal auf den Kopf, plante und erklärte. Allerdings blieben die Ergebnisse zunächst ernüchternd. Die hartnäckigen Entzündungen saßen tief in seinen Knochen fest, wodurch selbst moderne medizinische Verfahren an ihre Grenzen stoßen. „Die haben alles versucht“, sagt Rimbach. „Zahlreiche Operationen, neue Implantate – immer wieder. Und jedes Mal hofft man, dass es jetzt endlich hält.“ Doch die erwünschte Stabilität blieb aus. Anhaltende Schmerzen, eingeschränkte Beweglichkeit und ein Alltag, der immer kleiner wurde, waren die Folge. „Irgendwann drehte sich alles nur noch darum“, beschreibt er seinen anhaltenden Kampf. „Schmerzen, Termine, Krankenhaus. Ein normales Leben gab es nicht mehr.“ Jede weitere Behandlung warf die Frage auf: Wie kann Lebensqualität überhaupt noch erreicht werden? 

Im Oktober 2024 war er ein weiteres Mal in der BG Klinik – diesmal kam Dr. Benedikt Brosch, stellvertretender Leiter der Sektion für septische Chirurgie, Oberarzt der Sektion septische Chirurgie, persönlich. Und Herr Rimbach wusste augenblicklich, wie er selbst erzählt: „Wenn der Chef kommt, machen wir wohl den Fuß ab!“ Und so kam es auch. Nach einem intensiven Gespräch, Abwägungen und Momenten des Zweifelns fiel die Entscheidung: eine Unterschenkelamputation – als lang ersehnte Chance auf ein schmerzfreies und selbstbestimmtes Leben. 

Youtube Video

Bitte bestätigen Sie die Verwendung von YouTube. Weitere Infos in unserer Datenschutzerklärung und den .

Heiko Rimbach erzählt uns, wie ein vermeintlich harmloser Sturz schwere Folgen haben kann. 

Der Schritt zurück ins Leben 

Der Tag der Amputation kam und mit ihm ein endgültiger Schnitt. Um mit dieser langjährigen Geschichte von Niederschlägen, Schmerzen und Krankenhausaufenthalten abschließen zu können, entschied sich Heiko Rimbach, seinen Fuß den Körperwelten zu spenden. Ein Akt, der für viele vermutlich eher befremdlich wirkt – doch für ihn war es Teil eines bewussten Abschieds. 

Wie wahrscheinlich viele von uns rechnete auch Herr Rimbach mit dem zunächst Schlimmsten: „Als ich nach der Operation aufgewacht bin, habe ich sofort auf den Stumpf geschaut“, erinnert er sich. „Ich hatte Angst vor diesem Moment. Ich dachte, das würde mich schocken.“ Und das wäre ja theoretisch auch erstmal der Normalfall. Doch das Gefühl, welches in ihm aufkam, war ein anderes. „Es war eher … Freiheit.“ 

Zum ersten Mal seit Jahren spürte er so etwas wie Erleichterung. Die Schmerzen, die endlosen Operationen, die ständige Unsicherheit – all das lag plötzlich hinter ihm. Vor ihm lag etwas Neues. „Ich hatte das Gefühl: Jetzt kannst du neu anfangen. Die letzten viereinhalb Jahre einfach hinter dir lassen.“ Nach einigen Tagen im Krankenhaus durfte er für kurze Zeit nach Hause, bevor die Rehabilitation begann. Doch auch dieser neue Anfang war fragil. An eine Prothese war noch lange nicht zu denken. Der Stumpf musste heilen, täglich gewickelt werden und langsam in Form kommen. 

Und dann passierte das, was den meisten Amputierten passiert: „Man vergisst es für einen Moment“, sagt Rimbach. „Der Körper will einfach funktionieren wie früher.“ In einem unachtsamen Augenblick machte er einen Schritt – auf einen Fuß, der nicht mehr da war. Er stürzte. „Ich bin direkt auf den Stumpf gefallen.“ Die Naht platzte auf. „Zurück in den OP. Zurück auf Anfang. Wieder Wochen verloren. Wieder ein Rückschlag.“ Trotz der nervenzehrenden Heilungsphase ließ sich Heiko Rimbach nicht unterkriegen. Viel Geduld, noch mehr Rückschläge, doch sein Ziel behielt er fest im Blick: zurück in ein selbstbestimmtes Leben.

Mit beiden Beinen im Leben stehen – oder so ähnlich

Irgendwann hatte sich das Warten auch für Heiko Rimbach bezahlt gemacht: der Stumpf ist verheilt und die Prothese einsatzbereit! „Also rein in die Prothese und das erste Mal im Leben auf dem Teil stehen.“ Für ihn ein überwältigender Moment, den er persönlich als „Gefühlswaschmaschine“ charakterisiert. Mit der gewonnen Freiheit, dem lang ersehnten Augenblick wieder senkrecht zu stehen und die Welt wie gewohnt von oben sehen, kamen in ihm auch die Angst hervor, dass die Prothese vielleicht nicht halten – und er wiederholt stürzen könnte. Seine ersten Schritte fühlten sich komisch und sogleich sicher an, erinnerte er sich zurück. Auch die Angst verflog und er wollte nur noch eins: „laufen, laufen und laufen.“ Allerdings musste Heiko auch hier wieder Geduld mitbringen. Es brauch Zeit, bis sich der Stumpf an die Belastung gewöhnt und man für sich den passenden Fußersatz gefunden hat – dieser soll schießlich zu einem passen!

Bilder Alttext
„Ich sage immer: Das Einstellen einer Prothese ist wie das Abstimmen eines Orchesters. Jede Menge Instrumente müssen in Einklang und Takt gebracht werden und wenn das alles fertig ist, hat man ein einmaliges Ergebnis.“
Heiko Rimbach

In der komplexen stationären Rehabilitation, kurz KSR, lernt er, mit den neuen Lebensumständen und (künstlichen) Körperteilen umzugehen. Das Zusammenspiel aus hochspezialisierter Medizin und unserem Fachpersonal ermöglichte ihm, Schritt für Schritt in sein Leben zurückzukehren. In der Rehabilitation fühlte sich vieles wieder möglich an – Hoffnung tritt ein. Die Wege waren kurz, aber stemmbar, die Abläufe klar und jede Bewegung begleitet. Für Heiko bedeutete das vor allem eines: Sicherheit. 

Doch die Reha blieb nicht bei dem, was innerhalb der Klinikmauern geschieht. Schnell richtete sich der Blick nach draußen, dort, wo das Leben auf ihn wartete. „Die haben nicht nur geschaut, wie ich hier zurechtkomme“, fügt er hinzu. „Sondern wie das später zuhause laufen soll.“ 

Immer wieder ging es um ganz konkrete Fragen: Wie bewegt man sich durch die eigene Wohnung? Was passiert im Bad, auf der Treppe, beim Einkaufen? Was muss sich verändern – und was kann so bleiben? Therapie bedeutete hier nicht nur Training, sondern Vorbereitung. Auf genau die Momente, in denen niemand mehr danebensteht. Und dann kam dieser Moment. Für Heiko Rimbach ging es wieder nach Hause und „erst da merkt man mal den Unterschied“, erklärte er. „Plötzlich ist nichts mehr angepasst.“ Bewegungen und Abläufe, die in der Reha selbstverständlich wirkten, wurden wieder unsicher. Wege länger. Abläufe komplizierter. „Man fällt erst mal wieder zurück.“ Aber nicht mehr auf null. Denn vieles war schon angelegt. Sowohl gedanklich als auch körperlich. „Man weiß ja, wie es gehen kann“, lacht er. Und genau daraus entsteht etwas Neues: Nach und nach kehrt die Sicherheit zurück. Anders als früher – aber tragfähig. „Man muss seinen Alltag neu finden“, sagt Rimbach. „Aber das geht.“

Youtube Video

Bitte bestätigen Sie die Verwendung von YouTube. Weitere Infos in unserer Datenschutzerklärung und den .

Mit seiner Geschichte möchte Heiko Rimbach anderen Betroffenen Mut machen. 

Mit Prothese und Mut durchs Leben stolzieren

Egal ob Treppen laufen, Autofahren oder einfach ein schöner Morgenspaziergang – Heiko Rimbach steht wieder im Leben und kann heute wieder Aktivitäten ausüben, die lange unmöglich erschienen. Und obwohl einiges an sein altes Leben erinnert, ist es doch ein anderes. Kein schlechteres, aber einfach neu. Im Dunkeln, auf unebenem Gelände, braucht es Konzentration. Jeder Schritt muss sitzen. Auch eine Treppe freihändig zu gehen – vielleicht noch mit Gewicht in den Armen – bleibt anstrengend. „Da merkt man die Prothese“, erzählt er. Aber es sind Grenzen, mit denen er umgehen kann. Grenzen, die ihn nicht aufhalten „Man lernt, sich anzupassen. Und sich das Leben wieder leichter zu machen.“ Was bleibt, ist nicht der Verlust – sondern das, was zurückgekommen ist. Schmerzfreiheit. Bewegung. Selbstständigkeit. „Ich kann arbeiten, laufen, schwimmen, Rad fahren – eigentlich alles, was ich will.“ Und dann ist da noch eine Erkenntnis, die für ihn die Perspektive auf die Dinge grundlegend verändert hat: „Auch wenn eine Entscheidung nicht leichtfällt, heißt das nicht, dass sie falsch ist.“

Heute kennt er seine größte Grenze genau:

Bilder Alttext
„Die einzige wirkliche Grenze ist mein Kopf – und was der sagt, was ich kann, das kann ich auch.“
Heiko Rimbach