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Der Wille zum Weg

Ein Unfall verändert alles – plötzlich steht das Leben still. Für Andreas Deubel begann ein harter Kampf ums Überleben, geprägt von Schmerz, Operationen und langen Tagen im künstlichen Koma. Sein Leben ist nicht mehr dasselbe wie zuvor, doch Schritt für Schritt kämpft er sich zurück in den Alltag. Eine eindrucksvolle Patientengeschichte über Verlust, Durchhaltevermögen und den schwierigen Weg zurück ins Leben.

Es ist ein früher Maiabend im Jahr 2016. Die Straße liegt ruhig da, die Sonne steht tief. Ein ganz gewöhnlicher Augenblick, bis sich innerhalb von Sekunden alles veränderte.

Am 6. Mai wurde Andreas Deubel bei einem Überholmanöver auf einer Landstraße von einem ausschwenkenden Fahrzeug erfasst. Trotz Vollbremsung und Ausweichversuch kommt es zur Kollision. Er stürzt. Was danach passiert, weiß er nicht mehr – Blackout. Ersthelfer reagieren schnell. Rettungskräfte treffen innerhalb kürzester Zeit ein, übernehmen die Versorgung und stabilisieren ihn. Ein Rettungshubschrauber bringt ihn schließlich in unsere BG Klinik. Dort beginnt ein Kampf – ein Kampf um sein Leben, den er selbst zunächst nicht bewusst erlebt, denn Andreas Deubel verbringt die ersten Tage im künstlichen Koma.

Sieben Tage zwischen Leben und Tod

Sieben Tage lang kämpfen Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte um sein Überleben. Am 13. Mai erwachte er, an seiner Seite seine Frau und sein Bruder. Dort, wo einst sein Unterschenkel gewesen war, blickte er nun ins Leere. Bedingt durch eine Sepsis musste dieser abgenommen werden. Hinzu kamen weitere Begleitverletzungen: eine tiefe Risswunde in der Achsel, ein gebrochener Oberarm, ein zerstörtes Schultergelenk, mehrere Rippenbrüche. 

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Das Bild zeigt Andreas und an seiner Seite seine Frau auf der Intensivstation mit Magensonde, Beatmung, Katheterbeutel und Vakuumpumpe.

Neben den körperlichen Schmerzen kämpfte Andreas auch mit psychischen Belastungen. Das Trauma des Unfalls, die intensive medizinische Umgebung und die starken Medikamente führten zu Orientierungslosigkeit, Ängsten und Schlafstörungen – typische Begleiterscheinungen nach schweren Verletzungen und einem längeren künstlichen Koma. Gleichzeitig erfährt er, wie präzise und schnell die medizinischen Entscheidungen getroffen wurden. „Die Behandlungen wurden bei kleinsten Anzeichen sofort angepasst – wie aus dem Lehrbuch“ berichtet uns Andreas Deubel. Schnelles Eingreifen, Erfahrung und höchste Präzision – für ihn steht fest: „Das hat mir mit Sicherheit das Leben gerettet.“

Wenn das Leben stillsteht

Sein Kamp ging weiter, denn weitere Operationen stehen auf dem Programm. Schließlich folgte die Knieexartikulation – und damit ein endgültiger Einschnitt. Jedoch blickt Andreas Deubel stets nach vorne. Während seine Familie ihm Halt und Mut schenkt, ist es zugleich das Pflegepersonal der Intensivstation der BG Klinik Ludwigshafen, das ihn mit Fürsorge begleitet: „Ich fühlte mich bestens aufgehoben und betreut.“

An seinem 50. Geburtstag konnte er die Klinik verlassen, zwar im Rollstuhl und auf Krücken, aber mit einem Ziel: zurück ins Leben finden.

Neue Wege gehen lernen

Es dauerte nicht lange, bis der Stumpf so weit genesen war, dass mit der Rehabilitation begonnen und somit ein neuer Lebensabschnitt eingeläutet werden konnte. Dank der präzisen Anpassung durch das Sanitätshaus für Orthopädietechnik Brunner saß seine Prothese wie angegossen. Überraschen schnell machte Andreas Deubel Fortschritte: „Nach etwa drei Wochen konnte ich damit schon freilaufen“, berichtet er uns erstaunt. Trotz der schnellen Fortschritte gab es immer wieder Rückschläge: Schmerzen im Stumpf, Müdigkeit, Unsicherheiten beim Gehen und Momente der Frustration waren Teil des Prozesses. Medizinisch gesehen sind solche Phasen normal, da die Muskulatur, das Gleichgewicht und die Nerven sich erst an die Prothese anpassen müssen. Weitere 6 Wochen später war er endlich wieder zu Hause. Sein Alltag ist nicht mehr so wie er einst mal war und erfordert Neuorientierung. Manche Aufgaben muss Andreas abgeben, doch er findet seinen Weg. Noch im selben Jahr kehrt er zurück auf seinen Arbeitsplatz und nahm die Wiedereingliederung in Angriff. Mit einer weiterentwickelten Prothese verbessert sich seine Lebensqualität erneut spürbar. Technik wird für ihn zu einem wichtigen Verbündeten und auch zur Motivation.

Der Blick nach vorne

Was Andreas Deubel besonders hilft: seine Haltung. „Nicht das, was ich nicht mehr kann, ist wichtig – sondern das, was ich noch kann.“ Er probiert Dinge aus, testet Grenzen auch wenn nicht alles bleibt. Zwei Winter lang versuchte er sogar, wieder Ski zu fahren. Doch er stellte fest: 

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„Das Skifahren ist nicht mehr wie vor dem Unfall. Deshalb entschloss ich mich loszulassen. Aber mit dem Gewissen, dass ich es versucht habe.“
Andreas Deubel

Denn auch wenn Andreas körperlich Fortschritte machte, stellte er immer wieder fest, dass sein Körper und seine Nerven nach wie vor Grenzen aufzeigten. Die Entscheidung, das Skifahren loszulassen, war auch ein Schritt im Umgang mit der neuen Realität – ein realistischer Umgang mit dauerhaften Einschränkungen und möglichen Belastungssituationen. Diese Momente erinnern ihn daran, dass seine Behinderung Teil seines Lebens bleibt. Gerade in solchen Situationen, etwa bei Stürzen oder Schmerzen, können belastende Erinnerungen an den Unfall oder Ängste vor weiteren Einschränkungen auftreten.

Offenheit als Stärke

Wenn wir jemanden mit einer Prothese sehen, halten viele von uns zunächst inne – doch wieso ist das so? Andreas Deubel will sichtbar machen, dass es nichts ist, wofür man sich schämen muss. Er versteckt seine Prothese nicht, beantwortet Fragen, stellt sich den Blicken von außen.

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„Ich trage im Sommer Shorts und stehe dazu. Natürlich sieht man im Augenwinkel, dass die Menschen hinschauen, aber ich würde mir das genauso angucken, weil es eben nicht alltäglich ist.“
Andreas Deubel

Seine Erfahrung möchte er weitergeben – als Mutmacher für andere: „Der Kopf, also der Wille, ist das Entscheidende bei der Heilung.“ In der Reha wurde er mithilfe der Gehschule und der externen Parcours auf den Alltag vorbereitet. Auch wenn man in der Reha noch so gut abschneidet und sich bemüht, wird es immer wieder Rückschläge geben. Stürze gehören dazu und sind Teil des Lernprozesses. Denn in der Prothesenwelt gilt man in den ersten fünf Jahren als sogenannter „Prothesen-Anfänger". „Zweimal habe ich mich deshalb auch auf die Nase gelegt“, schildert Andreas Deubel. Doch er lässt sich davon nicht unterkriegen, bleibt in Bewegung – im Alltag und im Leben.

Auch heute noch bereitet ihm seine Prothese Sorgen. Wenn eine Situation das Tragen der Prothese nicht zulässt und den Rückgriff auf eine Gehhilfe oder den Rollstuhl erfordert, fühlt er sich eingeschränkt und die Präsenz seiner Behinderung rückt näher in den Vordergrund. „Das gehört dazu“, berichtet Andreas. Trotzdem: Urlaube kann er auch heute noch genießen. Ob mit dem Wohnwagen oder bei Fahrradtouren mit dem E-Bike im Allgäu und am Bodensee – eins ist sicher: Ausbremsen lässt Andreas Deubel sich nicht. 

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Heute unternimmt Andreas Deubel trotz Prothese wieder ausgedehnte Fahrradtouren – unterstützt von seinem E-Bike.

Eine Geschichte, die Mut macht

Diese Geschichte zeigt: Ein schwerer Einschnitt bedeutet nicht das Ende, sondern kann der Beginn eines neuen Weges sein. Ein Weg, der Kraft fordert aber auch neue Perspektiven eröffnet. Und manchmal müssen wir die Dinge aus anderen Blickwinkeln betrachten: Nicht der Verlust steht im Mittelpunkt, sondern das, was wieder möglich geworden ist.

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Das Bild zeigt die Personen, die nach Andreas Unfall direkt zur Stelle waren. First Responder, RTW Besatzung DRK Kirrlach, die Polizeistreife und rechts außen Ricki Lowak (Rennleitung 110), der die Beteiligten der Rettungskette ermitteln konnte und sie kurz nach Andreas' Entlassung in der Rettungswache Kirrlach zusammenbrachte. Das Foto wurde von Manfred Wild aufgenommen, der Andreas in seiner schweren Zeit unterstützt hat. 

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