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Rückenschmerz: Die Ursache Nummer eins für Invalidität

Prof. Dr. Frank Kandziora, Chefarzt des Zentrums für Wirbelsäulenchirurgie und Neurotraumatologie an der BG Unfallklinik Frankfurt, ist 2020 Präsident der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft (DWG). 

Wie wollen Sie in der Zeit Ihrer Präsidentschaft das Fach der Wirbelsäule nach vorne bringen? 
Im Rahmen der Qualitäts­initiative der DWG muss die Ausbildung verbessert werden. Wir wollen unter anderem die Ausbildungsmodule optimieren und vom klassischen Vortrags­ausbildungs­programm weg, hin zu einem modernen Online-Ausbildungs­system. Die Hälfte der DWG-Kurse soll zukünftig als online Unterrichts­kurse stattfinden, ganz im Sinne der jüngeren Generation. Dies war übrigens auch schon vor der Coronakrise unser Anliegen.
Darüber hinaus soll die Wirbelsäulen-Stiftung der DWG neu strukturiert werden. Diese vergibt derzeit wissenschaftliche Preise, sie soll aber so umgestalten werden, dass wir damit caritative Projekte angehen können. So unterstützt die DWG seit vielen Jahren in Myanmar die Boat Docs, das sind chirurgisch tätige Kolleginnen  und Kollegen die auf Booten die ärztliche Versorgung von Wirbelsäulen-Patienten im Delta in Myanmar sicherstellen. Und schließlich ist eine unabhängige Patienten-Information für die DWG von großer Bedeutung.
Denn oft ist es für Hilfesuchende schwierig relevante von nicht relevanten Informationen zu unterscheiden. Um die Lücke zu schließen und unterscheiden zu können wollen die DWG und die EUROSPINE gemeinsam die bereits bestehende „Patienten-Richtlinie“ voranbringen und bekannt machen. Diese beinhaltet unabhängige Fach­information in einfacher Sprache und ist derzeit unter: https://www.dwg.org/gesellschaft/patienten/ zu finden. 


Abgesehen von der „Patienten-Richtlinie“. Was muss Wirbelsäulen-Patientinnen und -Patienten bei der Suche nach einem geeigneten Krankenhaus beachten, um tatsächlich von einem Spezialisten mit Erfahrung behandelt zu werden?
Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten sich zu informieren, aber leider bedeutet ein gutes Ranking bei Google nicht gleichzeitig die besten Spezialisten gefunden zu haben. Hier sind, wie schon erwähnt, die Fach­gesellschaften gute Ansprechpartner. Sie vergeben Zertifikate mit unterschiedlichen Stufen. Die deutsche Wirbelsäulen­gesellschaft vergibt zum Beispiel ein Basic-, ein Master- und ein Excellence-Zertifikat. Wobei die Zertifizierung mit der höchsten Versorgungsstufe, das Exzellent-Zertifikat, bisher neben unserem Zentrum für Wirbelsäulenchirurgie und Neurotraumatologie  nur ca. 15 Chirurginnen und Chirurgen in Deutschland erhalten haben. Das Master-, liegt bei ca. 700 und das Basic-Zertifikat bei mehr als 1.000 Kollegen vor. Patientinnen und Patienten können aufgrund dieser Zertifikate die individuelle Qualität der Chirurgen festmachen und sich sicher sein, dass hier viel Erfahrung und eine hohe Expertise vorliegen – und sich damit bei der Suche nach einem geeigneten Haus darauf verlassen, ein geeignetes Krankenhaus gefunden zu haben. 
Neben diesen operativen Zertifikaten gibt es übrigens seit zwei Jahren auch konservative Auszeichnungen, die die Medizinerinnen und Mediziner erwerben können. 
Neben den Individualzertifikaten gibt es aber auch Zertifikate für die Kliniken.

Professor Kandziora, was sind die großen Aufgaben in Ihrer Präsidentschaft?
Wir haben im Rahmen des G20-Gipfels, der im November 2020 in Riad stattfindet, die Initiative „Spine 20“ ins Leben gerufen. Sie müssen wissen, dass bei dem G20-Treffen auch entsprechende Themen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) diskutiert werden, um Pläne für die Medizin der Zukunft zu gestalten. Bisher waren das Krankheits­bilder wie beispielsweise Tumore oder Malaria. Rückenschmerzen spielten bisher noch nie eine Rolle und das obwohl weltweit gesehen, der Rücken­schmerz die Ursache Nummer eins für Invalidität von Menschen ist. Höchste Zeit also, das Thema Rückenschmerzen auf die Agenda der WHO zu holen. Die Spine 20 wurde unter anderen von der DWG initiiert und hat zum Ziel in den nächsten Jahren vor allem mit Präventions­kampagnen zu punkten. Das könnte zum Beispiel ein Vorsorge­programm mit einer großen Turn­übungs­kampagne in Kenia sein, oder aber die Menschen in Indien zu informieren, dass sie täglich mit ein paar Yoga-Übungen dem Rücken­schmerz vorbeugen können. Es geht auch darum Richtlinien für die Behandlung von Rücken­schmerzen zu etablieren. Man könnte auch sagen, es geht um die Grundlagen bei der Erkennung und Behandlung von Rücken­schmerzen.

Das Zentrum für Wirbelsäulenchirurgie und Neurotraumatologie der BG Unfallklinik ist 2020 erneut aufgrund deren großer Expertise in der Spitzengruppe der Wirbelsäulenchirurgie  als „Top Nationales Krankenhaus“ in der Focus Klinikliste aufgeführt. Chefarzt Prof. Frank Kandziora zählt wiederholt 2020 zu den Top Medizinern in Deutschland in der Wirbelsäulenchirurgie.