
Schneller dokumentieren, besser behandeln
Ein Projekt aus dem BG Klinikum Bergmannstrost Halle zeigt, wie ambiente Spracherkennung helfen kann, klinische Dokumentation zu vereinfachen, administrative Aufwände zu verringern und so Zeit für Patientinnen und Patienten zu gewinnen.
Eine Patientin sitzt nach einem Arbeitsunfall im Behandlungsraum der Zentralen Notaufnahme, schildert den Unfallhergang und beantwortet Fragen zu Vorerkrankungen und Medikamenten. Die Ärztin oder der Arzt führt Untersuchungen durch, erläutert die Befunde und bespricht das weitere Vorgehen.
Was früher erst anschließend am Computer oder per Diktiergerät zu dem Patientenfall dokumentiert wurde, entsteht im BG Klinikum Bergmannstrost Halle heute direkt während des Gesprächs mit den Patientinnen und Patienten mithilfe von ambienter Spracherkennung (Ambient Clinical Intelligence). Ambiente Spracherkennung ist eine Technologie, die Gespräche und gesprochene Befunde während der Behandlung erfasst, transkribiert und mit Hilfe Künstlicher Intelligenz strukturiert für die medizinische Dokumentation aufbereitet. Für die Behandelnden bedeutet das weniger Dokumentationsarbeit und mehr Zeit. Für Patientinnen und Patienten mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit.
Die BG Kliniken, medizinische Leistungserbringer der gesetzlichen Unfallversicherung mit 13 Standorten von Hamburg bis Bayern und jährlich mehr als 570.000 Patientinnen und Patienten, beschäftigen sich in Halle derzeit intensiv mit dem Potenzial ambienter Spracherkennung. Dabei sollen nicht nur Prozesse effizienter gestaltet, sondern auch die Kommunikation zwischen Ärztinnen und Ärzten und Patienten verbessert werden. Wenn Informationen unmittelbar im Gespräch digital erfasst werden, kann sich die Aufmerksamkeit stärker auf den Menschen richten. Gleichzeitig reduziert sich damit das Risiko, dass relevante Informationen im Zuge nachgeschalteter Dokumentationsprozesse verloren gehen.
Neue Wege in der Notfallversorgung
Kaum ein Bereich im Krankenhaus ist so stark von Geschwindigkeit und Prozessen geprägt wie die Notaufnahme. Gleichzeitig ist die Dokumentation hier besonders aufwendig. Anamnese, Untersuchung, Diagnostik, Labor und Bildgebung müssen vollständig und rechtssicher festgehalten werden.
Im klinischen Alltag kann die Dokumentation bis zu 60 Prozent der Arbeit ausmachen. Einerseits ist eine gute Dokumentation unverzichtbar. Andererseits bindet sie Zeit, die in der direkten Patientenversorgung fehlt. Digitalisierung kann daher spürbar entlasten. Ziel ist es, dem medizinischen Fachpersonal administrative Aufgaben abzunehmen und somit mehr Raum für Kommunikation, Erklärung und Zuwendung zu schaffen.
Dokumentation in Echtzeit
Die bisherige Dokumentation eines Patientenfalles funktioniert in der Regel nach einem bekannten Muster. Erst findet das Gespräch zwischen Behandelnden und Patientin beziehungsweise Patient statt. Danach werden die Informationen zum Fall diktiert. Die Dokumentation entsteht also in einem zweiten, redundanten Schritt.
Die KI-gestützte ambiente Spracherkennung setzt genau hier an. Sie erfasst das Gespräch während der Behandlung und überführt die Inhalte direkt in ein strukturiertes Transkript. Das Gespräch wird noch stärker zum zentralen Element während der Behandlung. Gleichzeitig sinkt das Risiko, dass Informationen im Nachgang verloren gehen oder verkürzt dargestellt werden. Ärztinnen und Ärzte prüfen anschließend die Inhalte, die durch die ambiente Spracherkennung entstanden sind, und übernehmen den finalen Text.
Inhalte müssen nicht mehr nachträglich rekonstruiert werden. Gleichzeitig reduziert sich der zeitliche Aufwand für die nachgelagerte Verschriftlichung deutlich. Die Verantwortung für die Inhalte liegt weiterhin bei der Ärztin oder dem Arzt.
Die BG Kliniken wollen lernen und verstehen, welche Vorteile die Technologie hat. Das System ist in der Lage, Gesprächsinhalte zu strukturieren und medizinisch relevante Informationen von weniger relevanten Aspekten zu trennen. Dadurch entsteht eine dichtere und vollständigere Dokumentation. Auch Aspekte wie Vorerkrankungen, Medikation oder soziale Faktoren werden zuverlässig erfasst.
Der Vorteil für die Patientinnen und Patienten liegt auf der Hand: Dokumente können so aufbereitet werden, dass sie verständlicher formuliert sind. Abkürzungen und schwer lesbare medizinische Kurzformen lassen sich reduzieren.
Überwiegend positive Rückmeldungen
Die Einführung neuer Technologien hängt maßgeblich von der Akzeptanz im klinischen Alltag ab. Im Pilotprojekt werden daher gezielt unterschiedliche Berufsgruppen und Erfahrungsstufen einbezogen. Gerade zu Beginn war mit einem zusätzlichen Aufwand beim Pilotteam zu rechnen.
Am Pilotprojekt nehmen ausschließlich einwilligungsfähige Patientinnen und Patienten teil. Sie werden vorab transparent über die Nutzung informiert. Die Anwendung erfolgt unter klar definierten datenschutzrechtlichen Rahmenbedingungen. Das System dient dabei ausschließlich der Unterstützung der Dokumentation, die finale Bewertung und Entscheidung bleibt jederzeit beim Menschen. Die Rückmeldungen sind überwiegend positiv. Viele Patientinnen und Patienten erkennen den Vorteil, wenn die Dokumentation weniger Zeit in Anspruch nimmt und die Behandlung zügiger erfolgen kann.
Auch im Team spielt die enge Abstimmung eine zentrale Rolle. Klinische Anwender und IT arbeiten dabei eng zusammen. Regelmäßige Abstimmungen und kurze Feedbackzyklen unterstützen die kontinuierliche Verbesserung der Anwendung.
Für die Zukunft ist entscheidend, wie die Integration in bestehende Krankenhausinformationssysteme und Abläufe funktionieren wird. Dokumentationsaufwand und Arbeitsdichte werden perspektivisch weiter steigen. Ohne technologische Unterstützung lässt sich diese Entwicklung langfristig kaum bewältigen. Systeme wie die ambiente Spracherkennung können dazu beitragen, die Balance zwischen Dokumentationspflicht und Patientenversorgung neu auszurichten.
Der Artikel ist zuerst im DGUV forum Ausgabe 4/2026 erschienen.
Bitte bestätigen Sie die Verwendung von YouTube. Weitere Infos in unserer Datenschutzerklärung und den .
Im Video erklärt Dr. Christian Dumpies, Ärztlicher Leiter Interdisziplinäres Notfallzentrum am BG Klinikum Bergmannstrost Halle, wie dank Digitalisierung mehr Zeit für die unmittelbare Patientenversorgung bleibt.
Aus unserem Ratgeber

Schmerzfreie Mobilität im Alter – mit künstlichem Gelenkersatz
Die Spezialistinnen und Spezialisten des EndoProthetikZentrums der Maximalversorgung (EPZmax) an der BG Unfallklinik Frankfurt sorgen für schmerzfreie Mobilität – auch im fortgeschrittenen Alter.
Wie wird man Notarzt?
Schon seit vielen Jahren bietet die BG Klinik Ludwigshafen hier ein modernes Ausbildungskonzept sowohl für die internen Nachwuchs-Notärztinnen und -Notärzte als auch für alle Interessierten deutschlandweit.
