
Jeder Fortschritt ein Erfolg: Pflege im Querschnitt
Ein Ort, an dem jede kleine Bewegung ein Erfolg ist: Pflegefachkraft Anja Tschoban möchte ihr Wissen und ihre Freude am Beruf an die nächste Generation weitergeben.
Um 6 Uhr morgens ist es noch relativ ruhig auf Station E1 im Behandlungszentrum für Rückenmarkverletzte im BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin (ukb). Anja Tschoban zieht sich um und geht gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen in die Übergabe. Bis 6:30 Uhr gibt der Nachtdienst die wichtigsten Informationen zu allen Patientinnen und Patienten an das Frühdienstteam weiter.
Erste Aufgabe danach: Tablettenstellen im Vier-Augen-Prinzip. Die Ausgabe erfolgt immer tagesaktuell. „Das Vier-Augen-Prinzip reduziert Fehler“, erklärt Tschoban, „das ist gerade bei der Ausgabe der vielen Medikamente von enormer Wichtigkeit.“
Anschließend beginnt die morgendliche Versorgung der Patientinnen und Patienten. In der Regel versorgen 2 Pflegefachpersonen gemeinsam 6-8 Patientinnen und Patienten. Die Ein- oder Zweibettzimmer sind großzügig geschnitten, denn Mobilisierung braucht Platz.
Wenn das Leben sich komplett ändert
„Rückenmarkverletzte befinden sich in einer lebensverändernden Situation, viele fallen zunächst in ein tiefes Loch“, sagt Tschoban. Die Menschen realisierten nach und nach „Ich kann nicht mehr laufen" und müssten von ihrem Umfeld aufgefangen werden.
Anleitung und Beratung sind deshalb ein wichtiger Bestandteil der Pflege im Behandlungszentrum, auch Angehörige werden dabei einbezogen. „Ich habe mit den Jahren gelernt, dass es trotz allem Fortschritte gibt“, sagt Tschoban. „Das versuche ich auch den Patienten zu vermitteln.“
Mit den Jahren hat sie sich eine gesunde Distanz angeeignet. „Die Schicksale der Patienten berühren mich nach wie vor, aber ich habe heute mehr Abstand als früher.“ Gleichzeitig bleibt ihr Grundsatz unverändert.

„Ich behandle die Menschen so, wie ich selbst behandelt werden möchte."
Pflegefachkraft
Ausstattung macht den Unterschied
Bei der täglichen Pflege nutzt Anja Tschoban den in jedem Zimmer installierten Deckenlifter. Gemeinsam mit ihrem Kollegen positioniert sie den Patienten mithilfe des Rutschtuches und hebt ihn schonend aus dem Bett. Die moderne Ausstattung reduziert die körperliche Belastung erheblich. „Wir sind supergut ausgestattet“, sagt die Pflegefachfrau. „Sachen, die benötigt werden, werden auch bestellt.“
Das zeigt sich auch in anderen Details: Klimaanlage in jedem Zimmer, großzügige Räume, modernste Pflegehilfsmittel. Das BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin investiert in die Arbeitsbedingungen seiner Pflegekräfte und das macht sich bemerkbar. „Das ist nicht überall so“, weiß Tschoban, „und ich bin froh, da zu sein, wo ich heute bin.“
Um 8 Uhr kommen die Informationen aus den Therapieabteilungen. Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, welche Termine stehen heute an, wer muss wann wohin? Die interprofessionelle Zusammenarbeit ist eng, der Umgang kollegial.
Madentherapie: Wenn Larven heilen
Heute steht bei einem Patienten eine besondere Behandlung an, die Versorgung eines Druckgeschwürs mit Madentherapie. Anja Tschoban holt das Säckchen aus dem Kühlschrank: Der auf den ersten Blick wenig appetitliche, aber heilsame Inhalt: eigens für medizinische Zwecke gezüchtete keimfreie, enzymatische Fliegenlarven. „Die Maden machen einen guten Job“, erklärt sie, während sie das Säckchen vorsichtig auf die Wunde legt.
Die Larven knabbern durch das spezielle Gewebe des Säckchens hindurch Wundbeläge ab. Behutsam deckt Tschoban die Wunde mit einem sogenannten Wölkchenverband ab: Sie zupft Kompressen auseinander, bedeckt diese mit Kochsalzlösung und legt sie so über die Madensäckchen, dass diese atmen können, ohne zerdrückt zu werden. Dann wird der Verband leicht fixiert. Einmal am Tag und nach Bedarf wird der Wölkchenverband gewechselt. Haben die Maden ihren Job erledigt, geht es mit der konservativen Wundbehandlung weiter.
„Das ist eine relativ teure Therapie“, sagt Tschoban, „aber sie ist sehr effektiv. Und wir haben hier die Mittel, um unseren Patienten die bestmögliche Versorgung zu bieten.“ Ob Madentherapie, Botulinumtoxin-Injektionen in die Blase zur Unterstützung der Kontinenz oder aufwendige Wundversorgungen, das Behandlungszentrum verfügt über ein breites Spektrum an modernen Therapieoptionen.

Lange Wege, enge Bindungen
Trotz aller bestmöglichen Versorgung – die Behandlung rückenmarkverletzter Menschen braucht Zeit, es geht oft nur in kleinen Schritten weiter. „Man braucht Empathie und Geduld, vielleicht mehr als in anderen Bereichen“, sagt Tschoban. „Pflege ist anstrengend, körperlich, aber auch im Kopf. Man kriegt auch mal schlechte Laune der Patienten ab oder fängt Traurigkeit auf.“ Die 41-Jährige lächelt. „Das darf man nicht zu sehr an sich heranlassen. Unsere Patienten sind in einer Ausnahmesituation, ihr ganzes Leben ist von jetzt auf gleich ein anderes.“
Die Patientinnen und Patienten im Behandlungszentrum für Rückenmarkverletzte bleiben lange. „Ein bis anderthalb Jahre sind viele bei uns, manche sogar länger“, erzählt Anja Tschoban. „Da entwickelt man engere Bindungen zu den Patienten.“
Wenn man eine Bindung zu den Patientinnen und Patienten hat, kann manche Situation auch belasten. Der jüngste Patient war 14 Jahre alt. „Das ging mir schon nahe“, erinnert sich Anja Tschoban. Oder wenn Patientinnen und Patienten nach der Entlassung versterben. Durch die lebenslange Nachsorge, die Rückenmarkverletzte brauchen, kommen viele regelmäßig wieder in die Klinik. Man begleitet die Patientinnen und Pateinten manchmal über Jahrzehnte. Einmal im Jahr findet ein Sommerfest statt, zu dem nicht nur aktuelle, sondern auch ehemalige Patientinnen und Patienten eingeladen werden. Ein Wiedersehen, das zeigt: Das Leben geht weiter.
Jede kleine Bewegung, jede Veränderung in Richtung Selbstständigkeit freut alle sehr. „Das ist auch die Freude, die ich selbst daran habe, auch nach 17 Jahren auf dieser Station. Es ist schön zu sehen, wenn Patienten sich nicht aufgeben.“ Wie der junge Mann, der während seines Klinikaufenthalts sein Abitur geschrieben hat. „Er war letztes Jahr wieder da und hatte mittlerweile sein Psychologiestudium aufgenommen“, erzählt sie stolz.
Wissen und Freude weitergeben
Dass Anja Tschoban nicht nur pflegen, sondern auch begleiten und ausbilden möchte, wusste sie schon früh: Relativ bald nach ihrem Einstieg absolvierte sie einen Mentorenlehrgang. „Ich habe gemerkt, dass ich mein Wissen und meine Freude am Beruf weitergeben möchte“, sagt sie. 2022 folgte die Weiterbildung zur Praxisanleiterin.
Im selben Jahr begann sie ein berufsbegleitendes Bachelorstudium in Gesundheitspädagogik. Die Studiengebühren und Freistellungskosten übernahm das BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin. Sechs Leute starteten damals, Anja Tschoban gehörte dazu. Die Vorlesungen fanden jedes erste Wochenende im Monat statt, Freitag bis Sonntag.
„Ich hätte auch meine Arbeitszeit reduzieren können, wenn ich gewollt hätte“, sagt Tschoban. Erst in den letzten fünf Monaten vor dem Abschluss reduzierte sie auf 32 Stunden, um sich auf ihre Bachelorarbeit zu konzentrieren.
Das Thema ihrer Abschlussarbeit? „Aus Betroffenen werden Begleitende – Motivationale Hintergründe des Peer-Engagements bei Querschnittlähmung“. Auch hier bleibt sie sich treu, verbindet ihre berufliche Erfahrung mit ihrem pädagogischen Interesse.
„Meine Arbeit macht mir Freude"
Für die Zukunft hat Anja Tschoban klare Vorstellungen: Sie möchte später in der Pflegeschule des BG Klinikums arbeiten, aber unbedingt auch weiterhin auf Station. „Mir ist wichtig, immer auch mit den Patienten zu arbeiten. Das möchte ich keinesfalls aufgeben.“ Auch auf „ihrer“ Station will sie auf jeden Fall bleiben: „Meine Arbeit macht mir einfach Freude. Wenn ich länger nicht da war, zum Beispiel während der Praktika, habe ich mich sehr gefreut, wieder hier zu sein.“
Arbeiten, wo Sinn und Bedingungen stimmen
Das BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin bietet seinen Mitarbeitenden mehr als nur einen Arbeitsplatz. Es gibt regelmäßige Fortbildungen, auch speziell für Pflegekräfte, die Rückenmarkverletzte versorgen. Ein Fitnessstudio und weitere diverse kostenfreie Gesundheitsangebote im Haus, Zuschüsse zu externen Studios und zum Firmenticket. Zwei Kindergärten auf dem Gelände des Gesundheitscampus, deren Betreuungszeiten sich an den Anforderungen der Dienstzeiten orientieren. Viele gemeinsame Feste, Weihnachtsgeld als 13. Monatsgehalt.
Aber vor allem: Wertschätzung. „Wertschätzung ist enorm wichtig, gerade auch in der Ausbildung“, betont Anja Toschban. „Alle sind aufgefordert, gerade Azubis an die Hand zu nehmen – gerade, weil das so ein toller Beruf ist.“
Wenn Anja Tschoban auf ihre 17 Jahre im Behandlungszentrum zurückblickt, ist sie zufrieden. Nach ihrer Ausbildung kam sie direkt hierher, blieb auch nach der Geburt ihres Kindes 2011 und einem Jahr Elternzeit in Vollzeit dabei. „Ich mag den Patientenkontakt“, sagt sie und fügt hinzu: „Und ich bin froh, da zu sein, wo ich heute bin.“





