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    Azithromycin

    In der offenen, randomisierten COALITION II-Studie wurden die Auswirkungen einer zusätzlichen Gabe von Azithromycin im Vergleich zu einer Standardbehandlung auf den Verlauf von COVID-19-Infektionen erforscht. 

    Das vor 40 Jahren entwickelte Azalid- bzw. Makrolid-Antibiotikum Azithromycin wird häufig bei bakteriellen Atem- und Harnwegsinfektionen verschrieben. Eine Besonderheit ist seine Wirksamkeit gegen sogenannte intrazelluläre Erreger wie Chlamydien, Mykoplasmen und Legionellen. In Labor­experimenten erwies sich Azithromycin zudem aktiv gegen Entero- und Rhinoviren, Zika und Influenza H1N1 bzw. deren Aufnahme in menschliche Zellen und stimulierte die Produktion der Signal­substanzen Interferon beta und delta. Wir hatten bereits zu Beginn der COVID-19-Pandemie über die in verschiedenen Ländern versuchsweise angewandte Kombination aus dem Malaria-Medikament Hydroxy­chloroquin und Azithromycin berichtet und in späteren Newslettern die enttäuschenden Ergebnisse randomisierter Studien zu Hydroxychloroquin geschildert. Nun liegen die Ergebnisse der brasilianischen COALITION II-Studie vor, welche zwischen März und Mai 2020 an 57 Kliniken 447 von 835 Patientinnen und Patienten mit schwerer COVID-19-Erkrankung, Sauerstoff- bzw. Beatmungs­pflichtigkeit einschloss (The Lancet). 

    Diese wurden per Zufall entweder einer Standardbehandlung oder einer Standard­behandlung plus Azithromycin (500 mg täglich über 10 Tage) zugeteilt. Das durchschnittliche Alter lag bei 60 Jahren, zwei Drittel waren Männer, ein Viertel wurde im Schockzustand aufgenommen und die Hälfte wurde maschinell beatmet. Alle Teilnehmenden erhielten aufgrund nationaler Standards Hydroxychloroquin. Die Untersuchung war offen konzipiert, also nicht verblindet und Placebo-kontrolliert. Ein derartiges Design birgt das Risiko, dass Patientinnen und Patienten in der Standard­behandlungs­gruppe zusätzlich potenziell wirksame Medikamente erhalten und die Ergebnisse damit verwässert werden. Glucocorticoide erhielten 21 % der Teilnehmenden in der Azithromycin- und 15 % der Kontrollgruppe, das Grippe-Medikament Oseltamivir 44 % bzw. 48 %, sonstige Antibiotika 84 % bzw. 86 %.

    Die Gesamt­sterblichkeit nach 29 Tagen war hoch: Sie betrug in der Kontrollgruppe 73 / 148 (40 %) und in der Azithromycin-Gruppe 90 / 214 (42 %). 

    Die zeit­abhängige Sterblichkeit wurde durch eine zusätzliche Azithromycin-Gabe nicht günstig beeinflusst (Abb. 1).

    <p>Zeitabhängige Sterblichkeit in der COALITION II-Studie. Nachberechnet auf der Basis publizierter Ergebnisse (<a href="https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)31862-6/fulltext">The Lancet</a>).</p>

    Zeitabhängige Sterblichkeit in der COALITION II-Studie. Nachberechnet auf der Basis publizierter Ergebnisse (The Lancet).

    Fazit

    In der offenen, randomisierten COALITION II-Studie führte die zusätzliche Gabe von Azithromycin im Vergleich zu einer Standardbehandlung allein nicht zu einer Reduktion der 29-Tage-Sterblichkeit bei schweren, intensiv- und beatmungspflichtigen COVID-19-Verläufen. Weitere Ergebnisse aus randomisierten Studien wie RECOVERY müssen abgewartet werden, bevor eine robuste Nutzen­bewertung zu Azithromycin in diesem speziellen klinischen Szenario erfolgen kann.

    Stand: 25.09.2020