Invictus Games 2023
Das Hilfsmittel allein schafft keine Teilhabe

Wie kann Teilhabe im Alltag, sozialen Umfeld und im Beruf für Menschen mit Behinderungen gelingen? Dieser Frage stellten wir uns im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltung des Konzerns der BG Kliniken mit dem Sanitätsdienst der Bundeswehr und dem Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik. Am 16. September haben Betroffene und Experten das Thema im Rahmen der Invictus Games in Düsseldorf aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Zwei Patientinnen und ein Patient aus dem BG Klinikum Duisburg haben die Anwesenden auf ihre bewegende Reise durch ihren Rehabilitationsprozess nach einem schweren Schicksalsschlag genommen.

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16.09.2023

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Sandra Funck

Stabsstelle Unternehmenskommunikation und Marketing
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Es ging um Mut und Ehrgeiz aber auch um Hürden und persönliche Grenzen, die überwunden werden mussten, um dort anzukommen, wo sie heute sind. In den Gesprächen und im anschließenden fachlichen Austausch wurde einmal mehr deutlich, dass im Fokus der Hilfsmittelversorgung nicht das Hilfsmittel selbst, sondern die Patientinnen und Patienten stehen sollten, die es benötigen.

Unter der Überschrift „Teilhabe erleben – wie viel Technik braucht der Mensch?“ haben die Beispiele das gesamte Spannungsfeld dargestellt. Über die hochmoderne technische Unterstützung hinaus wurden die individuelle Rehabilitationsprozesse, Initiativen aus ärztlichen und therapeutischen Bereichen, der Alltag, das Umfeld und die Motivation der Patientinnen und Patienten sowie Optimierungsbedarfe in der Versorgung beleuchtet.

Sprint zurück ins Leben: Viel investieren, um am Ende zu profitieren

Von einem harten und schmerzhaften Weg sprach der ehemalige Leichtathlet David Behre, als er auf die vergangenen Jahre zurückblickte. Mit Anfang 20 hat dieser nach einem Zugunglück, bei dem er beide Füße verlor, im wahrsten Sinne des Wortes einen Sprint zurück ins Leben gemacht. Mit seinen zwei Unterschenkelprothesen stand er in sehr kurzer Zeit wieder auf den Beinen. Sein Ziel: Sprinten wie Oskar Pistorius und bei den Paralympics 2012 antreten. 2015 wurde er dann Weltmeister und im 2016 Paralympics-Sieger. Dass das möglich wurde, verdankt Behre seiner hohen intrinsischen Motivation und sehr viel hartem Training. „Man muss am Anfang viel mehr investieren, um am Ende davon zu profitieren“, beschrieb er seine Erfahrung mit seinen Prothesen. Dr. med. Christian Schmitz, Chefarzt der Klinik für Rehabilitation, technische und konservative Orthädie, begleitet den heute 37-Jährigen seit vielen Jahren und betonte: „Der Mensch steckt in der Prothese und auch die beste Prothese funktioniert nicht ohne den Menschen.“ Die Technik sei nicht alles, sondern die Persönlichkeit, Anpassungsfähigkeit, Resilienz und Zukunftsorientiertheit seien die wichtigen Voraussetzungen. „Wir Menschen mit Behinderungen müssen laut sein“, so Behre. Er engagiert sich für die Inklusion behinderter Menschen, tritt als Motivationstrainer auf und unterstützt Personen, die durch einen Unfall Gliedmaßen verloren haben.

Teilhabe erlangen ist harte Arbeit – ohne die Hilfe von anderen Betroffenen noch mehr

Ein klares Ziel vor Augen hatte auch Britta Meinecke-Allekotte. Sie erlitt einen schweren Arbeitsunfall bei dem ihre linke Hand so schwer verletzt wurde, dass diese nicht mehr mit voller Funktionsfähigkeit zu retten war. Doch ihren Beruf als OP-Schwester aufzugeben, war für sie keine Option. Um das zu erreichen, hieß es nicht nur für sie neue Wege zu gehen. „Wenn wir beide nicht das gleiche Ziel verfolgt hätten, dass sie in ihren Beruf zurückkommt, hätten wir das nicht geschafft“, so Prof. Dr. med. Heinz-Herbert Homann, der die Patientin von Anfang an behandelnd begleitet hat. Der Chefarzt der Klinik für Handchirurgie, Plastische Chirurgie und Zentrum für Schwerbrandverletzte stellte sie vor eine ganz spezielle Aufgabe: Den sterilen Handschuh über ihre technisch hochkomplexe Prothese zu ziehen. „Ich musste erkennen, dass die eigentliche Herausforderung nicht die war, die Funktion dieser Hand zu beherrschen. Sondern sie lang darin, den jeweiligen Griff der entsprechenden Tätigkeit zuzuordnen“, beschreibt Meinecke-Allekotte einen mühsamen Lernprozess, dem sie sich selbst unermüdlich gestellt hat. „Erst dann ist von einem optimalen Gebrauch die Rede.“ Erfahrungswerte von Betroffenen hätten ihr den aufwändigen Rehabilitationsprozess sicherlich verkürzen und vereinfachen können. Die Einbeziehung eines Peers über einen längeren Zeitraum der Rehabilitation und weit darüber hinaus, ein Prothesengebrauchstraining, dass individuell an die Bedürfnisse angepasst wird und die Zusammenarbeit mit selbst Betroffenen seien wichtige Faktoren. „Im Idealfall ergänzen sich Orthopädietechniker, Therapeuten und Prothesengebrauchstrainer durch eine gute Kommunikation“, betont Meinecke-Allekotte. Von ihren Erfahrungen profitieren heute andere: Britta Meinecke-Allekotte engagiert sich als Peer und Prothesengebrauchstrainerin, bietet Fortbildungen an und entwickelt eigene Trainingsprogramme.

Das Thema Hilfsmittel und Teilhabe ist komplex

Wie wichtig es ist, dass man relativ zeitnah Kontakt mit Menschen knüpfen kann, die ein ähnliches Schicksal erlebt haben, weiß auch Katharina Bauernschmidt. „Dass man als Fußgängerin zu einem Routine-Eingriff ins Krankenhaus geht und im Rollstuhl wieder hinauskommt, dass muss man als junge Frau erst einmal verkraften können“, erzählt sie den Anwesenden. Mit 21 Jahren führt eine Komplikation während einer OP zur Querschnittslähmung. Ihren Traum, Feuerwehrfrau zu werden, musste sie begraben. Heute wird ihr Leben vom Leistungssport bestimmt und sie hat eine beeindruckende Karriere im Para-Kanusport – national und international. Im Alltag nutzt sie ein Exoskelett, das es ihr ermöglicht, ihre Wohnung im dritten Geschoss selbstständig zu verlassen, an Ausflügen teilzunehmen und mit Menschen auf Augenhöhe spazieren zu gehen. Aber sie erzählte auch von den Schwierigkeiten, die ein solches Hilfsmittel mit sich bringen kann. „Das System hat ein Gewicht von 30 Kilogramm, das trägt man nicht mit einer Hand.“ Gemeinsam mit Maike Schrader, Therapieleitung im BG Klinikum Duisburg, spricht sie aber auch ein anderes sensibles Hilfsmittel-Thema an, das Kathetisieren. Was eigentlich gar kein sensibles Thema sein sollte, wie Bauernschmidt findet. „Wir alle müssen die Toilette aufsuchen“, sagte sie. „Katheter werden immer smarter und unsichtbarer.“ Als Sportlerin, die international unterwegs ist und nicht immer die besten Bedingungen mit ihrem Rollstuhl antrifft, ist sie dafür dankbar. Schrader ist es wichtig, dafür zu sensibilisieren, dass das Thema Hilfsmittel und Teilhabe sehr komplex ist.

Was sind die Invictus Games?

Die Invictus Games wurden vom britischen Prinz Harry, Duke of Sussex, ins Leben. Es handelt sich um einen sportlichen Wettkampf, bei dem an Körper und Seele verletzte, verwundete oder erkrankte Soldatinnen und Soldaten sowie Veteraninnen und Veteranen aus aller Welt aufeinandertreffen. Dieses Jahr fand die einwöchige Veranstaltung das erste Mal in Deutschland statt. Das Motto: A Home for Respect. Getragen wurde das Großevent von der Stadt Düsseldorf und der Bundeswehr, mit der die BG Kliniken eine enge Zusammenarbeit pflegen. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr mit ihren fünf Bundeswehrkrankenhäusern und die BG Kliniken haben eine gemeinsame DNA: Beide sind auf die Akutversorgung von Menschen spezialisiert, die sich im Beruf oder Dienst verletzt haben und bestmöglich in ihr bisheriges Leben und ihre teilweise hochspezialisierten Berufsbereiche zurückkehren sollen.

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    David Behre hat bei einem Unfall beide Unterschenkel verloren und mit Prothesen als Sprinter viele Erfolge gefeiert.

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    Er berichtete von seinem Weg, über harte Arbeit und über seine hohe intrinsische Motivation.

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    Katharina Bauernschmidt ist nach einer Querschnittslähmung auf den Rollstuhl angewiesen und nutzt im Alltag ein Exoskelett. Dieses ermöglicht ihr, Ausflüge zu machen und so manche Barriere zu überwinden.

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    Als Parakanutin hat sie sich für die Paralympics in Paris qualifiziert.  

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    Ungeachtet aller technischen Hilfsmittel bleiben viele Hürden im Alltag und bedarf es viel Eigeninitiative. Davon berichtete sie in Düsseldorf.

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    Britta Meinecke-Allekotte hat es geschafft, trotz Unterarmprothese in ihren alten Beruf als OP-Schwester zurückzukehren. 

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    Sie nahm die Anwesenden mit durch ihren Rehabilitationsprozess und zeigte viele Lücken, die sie als Betroffene selbst zugunsten anderer Betroffene versucht zu schließen. 

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    In einer anschließenden Diskusionsrunde wurde das Spannungsfeld der technischen Hilfsmittel seitens der Experten besprochen.

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Was braucht es wirklich, um berufliche und gesellschaftliche Teilhabe zurückzuerlangen? In einer gemeinsamen Podiumsdiskussion im Rahmen der Invictus Games haben Betroffene von ihren Zielen und ihrem Weg dorthin berichtet. Mit ihrem Ehrgeiz, ihrer Willenskraft und den Erfolgsgeschichten haben sie die Anwesenden beeindruckt. Aber sie haben auch einen kritischen Blick auf die technischen Möglichkeiten geworfen. Eine Rückschau zeigen wir in diesem Video. Wir danken allen Beteiligten für diese tolle Veranstaltung.