Welt-Sepsis-Tag: Prävention und Früherkennung retten Leben
Sepsis ist eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland: Jedes Jahr versterben in Krankenhäusern doppelt so viele Menschen an einer Sepsis wie an Schlaganfällen und Herzinfarkten zusammen. Das muss nicht so sein, denn früh erkannt ist eine Sepsis gut behandelbar. Am besten ist jedoch, wenn es gar nicht erst soweit kommt. Woran eine Sepsis zu erkennen ist und wie man sich davor schützen kann, beantwortet Dr. Rita Schoop-Schmetgens, Oberärztin Septische Unfallchirurgie am BG Klinikum Hamburg, im Interview.
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10.09.2026Pressekontakt

Christiane Keppeler
Was ist eine Sepsis und was passiert dabei im Körper?
Umgangssprachlich ist eine Sepsis meist als „Blutvergiftung“ bekannt, ist aber keine Vergiftung im herkömmlichen Sinne. Eine Sepsis ist die schwerste Verlaufsform einer Infektion und unbehandelt immer tödlich. Sie entsteht, wenn die körpereigenen Abwehrkräfte nicht mehr in der Lage sind, die Verbreitung einer lokalen Infektion zu verhindern und die Erreger – Bakterien, Viren oder Pilze – in den Blutkreislauf eindringen.
Normalerweise ist der Körper sehr gut darin, Erreger zu bekämpfen. Täglich ficht er unzählige Kämpfe mit Bakterien, Viren und Pilzen aus und gewinnt. Dauert die Bekämpfung etwas länger, merken wir das, denn dann werden wir krank. In den meisten Fällen bekommt der Körper die Infektion mit Zeit, Geduld und mitunter auch medikamentöser Unterstützung in den Griff. Doch während sich Husten und Schnupfen an der Oberfläche, also auf den Schleimhäuten abspielen, gelangen die Erreger bei einer Sepsis an sonst sterile Orte wie die Blutbahnen, das Gehirn oder die meisten inneren Organe.
Auf diese sogenannte invasive Infektion reagiert der Körper mit der höchsten Alarmstufe des Immunsystems und mobilisiert sämtliche Abwehrkräfte. Diese Reaktion kann jedoch zu heftig ausfallen, sodass nicht nur die Erreger bekämpft, sondern auch das körpereigene Gewebe – beispielsweise Organe wie Lunge, Herz oder Nieren – geschädigt werden. Schreitet die Sepsis voran, können Organe versagen und die betroffene Person stirbt. Es ist die Kombination aus Infektion und Überreaktion des Immunsystems, die eine Sepsis so gefährlich machen.
Welche Ursachen kann eine Sepsis haben?
Grundsätzlich kann jede Infektion, die nicht vom Immunsystem oder Medikamenten in Schach gehalten wird, zu einer Sepsis führen. Auslöser sind meistens Bakterien, aber auch Viren und Pilze. Vor allem Lungenentzündungen und Infektionen im Bauchraum sind häufige Ursachen einer Sepsis. Hier im BG Klinikum Hamburg sehen wir eine Sepsis häufig bei einliegendem Fremdmaterial, sprich zum Beispiel Venenkathetern oder Osteosynthesematerial (chirurgischen Implantate wie Schrauben, Platten, Nägel und Drähte), oder bei ausgedehnten Weichteilverletzungen wie bei Brandverletzten.
Wie hoch ist das Risiko, an einer Sepsis zu erkranken?
Sepsis kann jede und jeden treffen. Bestimmte Menschen haben ein höheres Risiko. Dazu gehören Menschen mit chronischen Erkrankungen, Menschen mit geschwächtem Immunsystem, Menschen ohne Milz, alle über 60, Schwangere und Mütter nach der Geburt, Früh- und Neugeborene, Kinder bei fehlenden Impfungen, Menschen mit einer Mangelernährung oder Suchtkranke, frisch Operierte, deren OP kürzer als vier Wochen zurückliegt sowie Menschen mit künstlichen Herzklappen oder künstlichen Gelenken und Menschen, die schon einmal an einer Sepsis erkrankt waren.
Wie wird eine Sepsis behandelt?
Bei der Behandlung kommt es vor allem auf die Frühzeitigkeit an. Mit jeder Stunde, die ohne Therapie verstreicht, sinkt die Wahrscheinlichkeit des Überlebens. Bei einem Sepsisverdacht ist deswegen der erste Schritt der Therapie, zügig Breitbandantibiotika zu geben (hit hard and early) bis über Blutkulturen und Abstriche der genaue Erreger identifiziert ist. Dann kann gezielt weiterbehandelt werden.
Ein Großteil der Erkrankungen und Todesfälle wären laut der Kampagne „Deutschland erkennt Sepsis“ durch Prävention und Früherkennung vermeidbar. Wie kann ich eine Sepsis von vorneherein verhindern?
Der effektivste Weg, eine Sepsis zu verhindern, ist Infektionen zu vermeiden. Sorgfältige persönliche Hygiene, das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes und regelmäßiges Händewaschen sowie die Beachtung allgemeiner Hygieneregeln kann das Risiko einer Infektion senken. Der Impfstatus sollte regelmäßig überprüft werden; Schutzimpfungen wie zum Beispiel die Grippeimpfung ab 60 Jahren können das Infektionsrisiko ebenfalls senken. Im Idealfall beugt man chronischen Erkrankungen – wenn möglich – durch einen gesunden Lebensstil und eine ausgewogene Ernährung vor. Liegt eine chronische Erkrankung vor, sollte diese konsequent behandelt werden. Wunden, auch kleine, sorgfältig reinigen, desinfizieren, pflegen und beobachten. Invasive Zugänge wie Venen- und Harnwegkatheter sollten regelmäßig überprüft und entfernt werden, wenn sie nicht benötigt sind.
Und zum Abschluss: Jede Infektion ist ernst zu nehmen und konsequent zu behandeln.
Woran erkenne ich, dass eine Infektion trotz aller Vorsichtsmaßnahmen aus dem Ruder gelaufen und zu einer Sepsis geworden ist?
Rund 80 Prozent der Sepsisfälle entstehen im häuslichen Umfeld, deswegen ist es so wichtig, dass wir alle darüber aufgeklärt sind.
Die Anzeichen sind oft sehr unterschiedlich. Wichtig zu wissen ist: Sepsis entsteht immer durch eine Infektion. Wird eine Infektion also schnell schlimmer und liegt zusätzlich eines oder mehrere der folgenden Warnzeichen vor, ist eine lebensbedrohliche Sepsis wahrscheinlich:
- Ein nie gekanntes Krankheitsgefühl oder extreme Schmerzen
- Fieber (eines der häufigsten Anzeichen, aber es muss nicht immer auftreten)
- Niedriger Blutdruck, oberer Blutdruckwert unter 100
- Schneller Herzschlag, Puls über 90 bis 120 Schläge pro Minute
- Akute Wesensveränderung, Verwirrtheit, Benommenheit
- Kurzatmigkeit, Atemnot, schnelle Atmung mit mehr als 22 Atemzügen pro Minute
- Feuchte, kalte, bläulich-fleckige Haut
An wen wende ich mich, wenn ich bei An- und Zugehörigen oder bei mir selbst eine Sepsis vermute?
Sepsis ist immer ein medizinischer Notfall, bei dem jede Sekunde zählt. Wenn der Verdacht im Raum steht, sollte umgehend ärztliche Hilfe gerufen werden, entweder über die 112 (Notruf) oder die 116 117 (Arztruf der Kassenärztlichen Vereinigung).
Haben Sie Tipps für Situationen in denen ich das Gefühl habe, mit meinem Verdacht nicht ernst genommen zu werden?
- Klar kommunizieren und nachfragen: Bei Verdacht auf eine Sepsis müssen Sie aktiv werden und das medizinische Personal direkt mit der gezielten Frage konfrontieren „Könnte es eine Sepsis sein?“. Scheuen Sie sich nicht, auf messbare Symptome zu pochen und eine zweite Meinung einzufordern.
- Vitalwerte und Fakten einfordern: Bitten Sie um die Messung von Blutdruck, Puls, Atemfrequenz und Temperatur. Verweisen sie auf Sie auf Werte wie einen schnellen Puls über 90 Schläge pro Minute oder eine Atemfrequenz über 22 Atemzüge pro Minute.
- Infektion als Ausgangspunkt betonen: Machen Sie unmissverständlich klar, dass eine bestehende Infektion (z. B. Wunde, Blasenentzündung, Lungenentzündung) vorliegt und sich rapide verschlechtert hat.