Querschnittlähmung nach Unfällen: Wenn ein Sprung oder Sturz das Leben verändert

Es sind oft nur Sekunden, nach denen nichts mehr ist wie zuvor: Ein Kopfsprung ins flache Wasser oder ein Sturz mit dem Motorrad können zu einer Querschnittlähmung führen. Prof. Dr. Roland Thietje, Chefarzt des Querschnittgelähmten-Zentrums am BG Klinikum Hamburg, und PD Dr. Lennart Viezens, Leitender Arzt des Wirbelsäulenzentrums, behandeln jeden Sommer Menschen, die sich durch einen Bade- oder Motorradunfall die Wirbelsäule und das Rückenmark verletzen.

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22.05.2026

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Ob sogenannter Flachwasserspringer oder Motorradunfall – es sind überwiegend junge Männer, die sich dabei die Wirbelsäule und das Rückenmark verletzen. „Bei den Flachwasserspringern ist besonders die Altersgruppe zwischen 14 und 40 Jahren betroffen“, weiß Prof. Dr. Thietje. In Deutschlands größtem Querschnittgelähmten-Zentrum am BG Klinikum Hamburg behandeln er und sein Team pro Jahr vier bis elf Patientinnen und Patienten, die sich in Folge eines Sprungs ins flache Wasser die Halswirbelsäule gebrochen haben; bundesweit sind es 40 bis 50 Betroffene pro Saison. „Die Zahl der Fälle hängt ganz stark mit der Qualität des Sommers zusammen. Ein kühler, nasser Sommer lädt weniger zum Schwimmen und vor allem weniger zum gemeinsamen Trinken am Badesee ein“, weiß der Chefarzt und spricht damit bereits eine der Hauptursachen für Kopfsprünge in unbekannte Gewässer an: Alkoholeinfluss. Dieser mindert das Risikobewusstsein und verleitet zu wagemutigen Handlungen, meist um anderen zu imponieren. Entsprechend sind die meisten Unfälle bei Flachwasserspringern vermeidbar: „Am Badesee möglichst keinen Alkohol trinken und vor Sprüngen ins Gewässer immer die Wassertiefe prüfen, besonders bei trübem Wasser“, rät der Mediziner. 

Risikobereitschaft und Selbstüberschätzung sind auch bei den Motorradfahrenden häufig die Unfallursache. „Die meisten Unfälle mit Motorrädern werden dabei von Autofahrenden verursacht, denn überhöhte Geschwindigkeit und die schmale Silhouette führen dazu, dass Motorradfahrende übersehen werden“, so PD Dr. Lennart Viezens. Besonders oft betroffen sind die 18- bis 25-Jährigen. Die Folgen eines Unfalls können schwerste Verletzungen, auch an der Wirbelsäule, sein. „Entsprechend ist es primär wichtig, den Unfall zu vermeiden. Motorradfahrende sollten defensiv fahren und für die anderen Verkehrsteilnehmenden mitdenken. Ansonsten ist es wichtig, vernünftige Kleidung zu tragen, das heißt Motorradkluft und einen Integralhelm, der auch die Halswirbelsäule ein wenig schützt“, führt der Chirurg aus. Auch für Fahrradfahrende wird es zunehmend wichtig, sehr umsichtig zu fahren und einen Helm zu tragen: „Der Verkehr wird gerade in Ballungsräumen wie Hamburg immer dichter. Wir sehen immer mehr verunfallte Radfahrerinnen und Radfahrer in unserem Schockraum mit schweren Verletzungen. Ein Helm bietet auch hier zumindest dem Kopf Schutz.“

Richtig Erste Hilfe leisten

Dass diejenigen, die einen Unfall beobachten, den Rettungsdienst rufen und dann selbst Erste-Hilfe-Maßnahmen einleiten, ist für die meisten Menschen selbstverständlich. Gerade bei schweren Unfällen oder bewusstlosen Personen haben potenzielle Ersthelfende immer wieder Sorge etwas falsch zu machen. Dabei ist schnelle Erste Hilfe wichtig, denn insbesondere bei den Badeunfällen geht es darum, das Leben der verunfallten Person zu retten: „Wenn sich jemand die Wirbelsäule bei einem solchen Sprung gebrochen hat, dann ist die Lähmungssituation fast immer komplett. Das bedeutet, dass unter dem Verletzungsniveau nichts mehr funktioniert“, so Prof. Dr. Thietje. Entsprechend bleiben die Menschen im Wasser liegen und ertrinken, wenn sie nicht gerettet werden. Rettende sollten entschlossen handeln und die Person aus dem Wasser ziehen. Sorge, dabei die Verletzungen zu verschlimmern, sollten nicht im Vordergrund stehen, so der Chefarzt: „Der Schaden am Rückenmark ist bei diesen Verletzungen in der Regel so groß, dass durch die Rettung kaum zusätzlicher Schaden entstehen kann. Insbesondere im Vergleich zur Lebensrettung.“

Bei den Motorradfahrenden stellt sich Ersthelfenden immer wieder die Frage „Helm abnehmen oder Helm auflassen?“. PD Dr. Viezens rät: „Wenn die verunfallte Person schmerzfrei ist, kann der Helm bis zum Eintreffen der Rettungskräfte aufbleiben. Ansonsten sollte die Person auf den Rücken gelegt werden und der Helm vorsichtig – am besten zu zweit – gerade abgenommen werden. Wichtig dabei: den Kopf nicht verdrehen oder übermäßig beugen.“ Generell ist wichtig, den Patienten oder die Patientin nicht viel umzulagern und gerade liegen zu lassen. Das gilt für alle Unfälle, bei denen eine Beteiligung der Wirbelsäule vermutet wird.